Der österreichische Fensterhersteller KAPO setzt auf Holz als zentralen Werkstoff und bewirbt den nachwachsenden Rohstoff unter dem Claim „Holz. Was sonst?" offensiv. Auf der Unternehmenswebsite listet der Hersteller gezielt Vorteile auf, die das Material aus seiner Sicht von Konkurrenzwerkstoffen wie Kunststoff oder Aluminium abheben sollen. Die Frage, die sich für Fensterbauer, Handelspartner und Architekten stellt: Ist Holz tatsächlich auf dem Weg zum dominanten Werkstoff – oder handelt es sich um strategisches Marketing eines Spezialisten?
Natürlichkeit, Wärmeschutz, Langlebigkeit: Die Argumente im Überblick
KAPO hebt mehrere Eigenschaften hervor, die Holz für den Einsatz in Fenstern, Türen und Fassadenelementen prädestinieren. Im Mittelpunkt stehen neben der Optik und Haptik vor allem bauphysikalische Eigenschaften: Holz verfügt über eine niedrige Wärmeleitfähigkeit, was beim Blendrahmen und Flügelrahmen Wärmebrücken minimiert und den Wärmedurchgangskoeffizient des Gesamtelements verbessert – ein Vorteil, der besonders bei Dreifachverglasung und hohen Dämmstandards zum Tragen kommt.
Ein weiteres Argument: Holz bindet während des Wachstums CO₂ und bleibt als verbautes Material über Jahrzehnte ein Kohlenstoffspeicher. In Zeiten zunehmender regulatorischer Anforderungen an die Ökobilanz von Bauprodukten – Stichwort Kreislaufwirtschaft im Fenster- & Türenbau – kann dieser Aspekt bei Ausschreibungen und Zertifizierungen (DGNB, LEED, BREEAM) durchaus entscheidend werden.
Holzfenster gelten zudem als langlebig, sofern konstruktiver Holzschutz und fachgerechte Oberflächenbehandlung gewährleistet sind. In Mitteleuropa sind Standzeiten von 40 bis 50 Jahren bei gepflegten Holzfenstern keine Seltenheit – ein Wert, den Kunststoffsysteme in dieser Form nur schwer erreichen.
Marktposition: Holz bleibt Nische, Kunststoff dominiert
Trotz dieser Argumente führt Holz im europäischen Fensterbau ein Nischendasein. In Deutschland lag der Marktanteil von Holzfenstern (inkl. Holz-Aluminium) 2025 nach Branchenschätzungen bei rund 15 bis 18 Prozent, während Kunststoff nach wie vor über 50 Prozent und Aluminium etwa 20 Prozent ausmacht. Ähnliche Relationen zeigen sich in Österreich und der Schweiz, wobei in alpinen Regionen und im gehobenen Einfamilienhausbau der Holzanteil traditionell höher liegt.
Der Grund: Kunststoffsysteme von Herstellern wie Veka, Rehau oder Aluplast sind in der industriellen Fertigung schneller und kostengünstiger zu verarbeiten, bieten wartungsarme Oberflächen und erreichen bei modernen Mehrkammerprofilen inzwischen ebenfalls hervorragende Dämmwerte. Holz verlangt demgegenüber mehr handwerkliche Kompetenz in der Produktion, regelmäßige Wartung und höhere Materialkosten.
Strategische Positionierung gegen den Online-Wettbewerb
KAPO versucht, diese Nachteile durch klare Positionierung zu kompensieren. Das Unternehmen hat in den letzten Monaten seine Fenster-Produktpalette neu strukturiert, um sich gegenüber Onlineanbietern und Discountmodellen abzugrenzen. Die Fokussierung auf Holz als natürlichen Werkstoff spielt dabei eine zentrale Rolle: Sie adressiert eine Kundengruppe, die Wert auf Ökologie, Langlebigkeit und Individualität legt – Eigenschaften, die im standardisierten Konfigurator-Geschäft schwer zu kommunizieren sind.
Parallel treibt KAPO den regionalen Ausbau voran. Wie kürzlich bekannt wurde, expandiert KAPO mit neuen Standorten, um die Vertriebsdichte zu erhöhen und lokale Handwerksbetriebe direkter anzubinden. Holzfenster leben vom Beratungsgespräch und der individuellen Anpassung – eine Stärke, die sich offline besser ausspielen lässt.
Wo Holz im Fensterbau Sinn ergibt – und wo nicht
Für Fachbetriebe stellt sich die Frage, in welchen Projektsegmenten Holz tatsächlich die erste Wahl ist. Im Neubau von Einfamilienhäusern, bei Sanierungen denkmalgeschützter Gebäude und im hochwertigen Objektbau spielen Holzfenster ihre Stärken aus. Auch in Passivhaus-Projekten und bei GEG-konformen Neubauten punktet das Material durch seine natürlichen Dämmeigenschaften.
Im Geschosswohnungsbau, bei Großprojekten mit knappen Budgets oder bei extrem schlagregengefährdeten Fassaden dominieren hingegen Kunststoff und Aluminium – teils aus Kostengründen, teils aus Gründen der Wartungsfreiheit. Auch bei Hebe-Schiebe-Türen mit großflächigen Verglasungen setzen viele Hersteller auf Holz-Aluminium-Kombinationen, um die Witterungsbeständigkeit zu erhöhen.
Fazit: Holz als Positionierungswerkzeug, nicht als Allheilmittel
KAPO nutzt Holz gezielt als Differenzierungsmerkmal in einem Markt, der zunehmend von Preisdruck, Standardisierung und Online-Konfiguratoren geprägt ist. Die Argumente für das Material – CO₂-Bilanz, Dämmleistung, Langlebigkeit – sind für bestimmte Kundensegmente und Projekttypen durchaus tragfähig. Ob Holz jedoch tatsächlich zum „Baustoff der Stunde" wird, hängt weniger von den technischen Eigenschaften ab als von der Bereitschaft der Bauherren, einen Aufpreis für Natürlichkeit und Nachhaltigkeit zu zahlen – und von der Fähigkeit der Hersteller, diese Werte in der Beratung glaubwürdig zu vermitteln.
Für Fensterbauer bedeutet das: Holz bleibt ein wichtiges Material im Portfolio, verlangt aber Spezialisierung, Beratungskompetenz und serviceorientierte Vertriebsstrukturen. Der Marketing-Claim „Holz. Was sonst?" ist weniger Antwort als Frage an die eigene Positionierung im Markt.